100 Jahre UNSER PFERD -
Jubiläumssonderteil,
in: Unser Pferd 11 (1999),
S. 20-40, Schlußkapitel:
ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK


In einem historischen Streifzug, in dem aufgrund der gebotenen Kürze manches lediglich angedeutet
werden konnte, haben wir den Versuch gemacht, 100 Jahre UNSER PFERD bzw. HESSISCHER PFERDEZÜCHTER
bzw. PFERDEZÜCHTER nachzuzeichnen und die wichtigsten Entwicklungslinien herauszuarbeiten.

Vom großherzoglich-hessischen Pferdezüchterblatt des ausgehenden 19. Jahrhunderts führte uns der Weg
in die aufgewühlte Atmosphäre der unmittelbaren Nachkriegszeit, als 1949 mit Genehmigung der
Militärregierung eine Verbandszeitschrift der hessischen Pferdezüchter und Reiter geschaffen bzw., möchte
man sich an das historische Vorbild anlehnen, reaktiviert wurde. Allerdings waren zunächst - bis Februar
1951 - lediglich die Pferdezüchter Hessen-Nassaus "im Boot". Erst dann schloß sich das "Kurhessische
Pferdestammbuch" an und ließ die Zeitschrift damit zum Organ Gesamthessens werden.

Männer der ersten Stunde sowohl in der hessischen Pferdeszene als auch beim HESSISCHEN
PFERDEZÜCHTER waren Rudolf Walther, Dr. Claus Dencker, Dr. Ekkehard Frielinghaus sowie Dr. Wilhelm
Uppenborn. Walther aus Reichelsheim (Wetterau) war Vorsitzender des Pferdezüchterverbandes
Hessen-Nassau, Landstallmeister Frielinghaus leitete das Hessische Landgestüt Darmstadt, Dencker
fungierte als erster Chefredakteur der Zeitschrift und fand seinen Nachfolger in Uppenborn, der von 1950
bis 1962 die Redaktion leitete. Die führenden Köpfe der hessischen Pferdeszene und der Redaktion des
HESSISCHEN PFERDEZÜCHTERS arbeiteten sehr eng zusammen, sofern sie nicht sogar identisch waren.

Dem ersten Nachkriegsjahrzehnt des Blattes folgte mit den 60er-Jahren eine durch "Traktoren statt
Pferde" zu charakterisierende Epoche, in der der HESSISCHE PFERDEZÜCHTER zur Jahreswende 1965/66 in
UNSER PFERD - Untertitel: Der Hessische Pferdezüchter - umbenannt und konzeptionell modernisiert wurde.

Einige Jahre zuvor hatte sich ein schlimmer Unglücksfall ereignet, als im Juni 1962 auf der Fahrt zur
Beerdigung des verstorbenen Dr. Denckers der Vorsitzende des Pferdezüchterverbandes Bernhard Löer
und sein Geschäftsführer Ewald Ziegler, dem es als Nachfolger Uppenborns in der Chefredaktion des
HESSISCHEN PFERDEZÜCHTERS gerade vergönnt gewesen war, drei Hefte herauszubringen, bei einem
Autounfall den Tod fanden.

Binnen kürzester Zeit und durch tragische Wendung hatte die hessische Pferdezucht ihre führenden
Persönlichkeiten verloren. Aber sie erholte sich bald wieder von diesem schweren Schlag und UNSER PFERD
hatte daran einen gewissen Anteil.

Es folgten die 70er-Jahre als große Zeit des klassischen Turniersports und die 80er-Jahre, in denen
Reitsport und Pferdewesen vielfältiger wurden angesichts der "Entdeckung" des Freizeitreiters. Schließlich
"durchlebte" und kommentierte die Pferdezeitschrift, die seit August 1991 beim Fachverlag Dr. Fraund in
Mainz-Mombach erscheint, die 90er-Jahre mit dem ihnen eigenen Trend zum "Funsport" rund um das Pferd
und zum Nebeneinander unterschiedlichster Reitkulturen als Epoche der "Demokratisierung" der
Pferdeszene.

Diese Zeitabschnitte mit ihren speziellen Erscheinungsformen verdichteten sich in den jeweiligen Heften
von UNSER PFERD, das zusammen mit seinen Vorgängern längst ein Stück hessischer und deutscher Pferde-
und Reitergeschichte der letzten hundert Jahre verkörpert. Dabei reagierte die Zeitschrift nicht lediglich
auf die Strömungen und Tendenzen der verschieden Epochen, sondern fungierte oft gerade auch als
Trendsetter. Die Redaktionen und tragenden Verbände vermochten es immer wieder vorausschauend,
Zeichen hinsichtlich künftiger, als sinnvoll erachteter Entwicklungen auf dem Pferdesektor zu setzen und
somit nicht lediglich passiv, sondern auch aktiv zu agieren.

Gegen Ende unseres Jahrtausends können wir erfreut feststellen, dass das Pferd - ungeachtet einzelner
Krisenperioden in Pferdezucht und Pferdehaltung - keineswegs von der Bildfläche verschwunden ist, wie
manche Pessimisten es schon Anfang der 50er-Jahre glaubten prophezeien zu müssen, als etwa im
"Rheinischen Merkur" vom 11. März 1950 verkündet worden war: "Wir nehmen Abschied vom Pferde, das
nur noch kurze Zeit als Spielerei und Luxusgegenstand ... weiterleben wird."

Pferde im allgemeinen und nicht zuletzt Pferde in und aus Hessen sind auch an der Schwelle zum 21.
Jahrhundert gefragt und vermitteln den Menschen in ihrer Umgebung Freude und Nähe zur Natur. Eine
sonntägliche Spazierfahrt durch hessische Landschaften beschert dem aufmerksamen Beobachter in aller
Regel den ästhetischen Anblick Hunderter Pferde unterschiedlichster Rassen und Farbschläge auf Weiden
und Koppeln. Das Pferd wird in absehbarer Zeit nicht zum Zootier "degradiert" werden, und wenn UNSER
PFERD auch in Zukunft einen kleinen, aber doch nicht ganz unwesentlichen Anteil an der Popularität von
Pferden und Reitsport in Hessen hätte, wäre die Redaktion vollauf zufrieden.
Harry Bresslau in Straßburg
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