Karli - Ob die Legende noch lebt?

Karli ist Kult! Wie bitte, warum um Himmels willen soll dieser Kater etwas besonderes sein? Ich muß es Euch
erklären: Mein Vater - verstorben vor fünf Jahren - hatte eine kleine Ranch mit Pferden und allerlei anderem
Getier in Seckbach (am Stadtrand Frankfurts), seine größte Lebensfreude. Und dazu gehörte immer auch Karli,
jener schneeweiße Kater, der jahrelang täglich zum Fressenfassen kam, dennoch aber ein Vogelfreier war, da
er von den anderen, auf dem Grundstück lebenden Katzen nicht toleriert und folglich immer wieder verjagt
wurde. Schon als Jungtier war er von einem potentiellen pechschwarzen Rivalen namens Karlo dermaßen
gebissen worden, daß ein beträchtlicher Teil seines Schwanzes dabei auf der Strecke geblieben war und er
künftig ein wenig einem Luchs ähnelte. Karli blieb zwar in der Nähe des Grundstücks, lebte aber in Feld und
Flur - immer in der vergeblichen Hoffnung, eines Tages doch noch ein Plätzchen in der gemütlichen
Gartenhütte zu finden. Aber keine Angst: Karli wurde von uns gefüttert und gehätschelt, wenn immer wir ihn zu
Gesicht bekamen, meist auf einer Nachbarwiese. Er genoß diese Aufmerksamkeit sichtlich und schnurrte
meistens dermaßen laut und behaglich vor sich hin, dass man es meterweit vernehmen konnte. Wenn es aber
tatsächlich bisweilen zu Übergriffen der feindlichen Kater-Allianz der Revierbesitzer kam, suchte Karli - stets
der Klügere - immer das Weite, nachdem er mit seiner für eine Katze ungewöhnlich hohen und piepsigen,
fast weinerlichen Stimme zuvor seine Entrüstung über das ihm widerfahrende Unrecht kundgetan hatte.

Karli war gar nicht so leicht zu fotografieren, da er - wenn er erschien - unablässig in Aktion blieb, sich streckte
und räkelte, urplötzlich aber auch wieder verschwand aus Furcht vor möglichen Terroranschlägen seiner
pechschwarzen Widersacher hinter dem "Eisernen Vorhang". Deshalb ist das präsentierte Foto eigentlich
nahezu ein Wildlife-Bild. Ich habe ihn - allerdings noch ganz am Anfang meiner fotografischen Neigungen
stehend - nur dieses eine und einzige Mal so in die Kamera schauend erwischt, mit - wie ich
finde - ziemlich philosophischem Blick, gezeichnet vom Leben und einem beachtlichen Erfahrungshorizont.
Nun, mein Vater lebt nicht mehr, der Garten existiert zwar noch, ist aber ziemlich verfallen und von der Natur
überwuchert, Karlis Widersacher von einst sind auch nicht mehr zugegen und Katerlegende Karli ward nicht
mehr gesehen. Halt, ganz korrekt ist dies nicht: zuletzt wurde er vor zweieinhalb Jahren kurz auf einer 500
Meter entfernten Wiese gesichtet, jener geheimnisvolle schneeweiße Kater Karli "mit ohne" Schwanz (wie es
einmal ein kleines Mädchen formulierte), der heute etwa elf Jahre alt sein müsste. Vielleicht ist er längst tot
oder er hat endlich ein anderes Revier mit einem ansehnlichen Harem ausgewilderter Hauskatzen gefunden,
die ihn, wie es einer Legende gebührt, als ihren Guru verehren - wir wissen es nicht. Ihr aber versteht nun
vielleicht, warum Karli nicht irgendein Kater ist, jedenfalls nicht für mich.

Das Foto wurde am 11. Oktober 1998 mit meiner ersten Digitalkamera, einer Epson Photo PC 600,
geschossen und, da es von eher bescheidener fototechnischer Qualität war, nachträglich in ein SW-Bild
mit kolorierten Augen und Nase umgewandelt. So freilich ist es - in meiner Sicht - zu einem recht
ausdrucksvollen Katzenportrait geworden, zumal wenn man die Geschichte des kultigen Katers Karli kennt.
Und die kleine Igelstory habe
ich hier anzubieten
So sieht die Farbversion des
obigen Fotos aus
Und hier noch einige
Karli-Links
Mein einziges Karli-Foto, das den kompletten
Kater "mit ohne" Schwanz zeigt
Einer der erbitterten Widersacher unseres armen Karli war der zur Front der
Revierbesitzer zählende Kater Karlo, den dieses Foto vom Abend des 13. Dezember
1998 zeigt. Karlo, sonst eigentlich gar kein übler Kerl ;-), thronte hier demonstrativ auf
dem Dach der kleinen "Ranch" meines verstorbenen Vaters am Rande Seckbachs.
Wenn ich dieses Bild sehe, muß ich stets an den Titel des Film-Klassikers "Die Katze
auf dem heißen Blechdach" denken. ;-)